TextilWirtschaft 30 vom 26.07.2001 Seite 200
Fashion Accessoires


Uptown-Girl im Breisgau

Aida Sanchez kommt aus Bolivien. Ihre großen Förderer traf sie in New York. Hier begegnete ihr auch die Liebe. Die führte sie nach Deutschland. Jetzt erobern ihre Schals und Taschen von Freiburg aus die Welt.

Aida Sanchez ist intensiv. "Ich habe Ihnen meine zwei Lieblinge mitgebracht", sprudelt sie gleich nach der Begrüßung heraus. Sie zeigt die federleichte Stola aus plissiertem Seidenchiffon-Crinkle: "Diese Stola werde ich in drei Wochen zur Taufe meines Sohnes tragen." Pablo Antonio wird dann knapp ein Jahr alt sein. Und gerade mal seit zwei Jahren ist Aida Sanchez in Deutschland. Aber welche Rolle spielt die Zeit, wenn Leidenschaft und Talent zusammentreffen? Denn das, was Aida Sanchez für Sommer 2002 präsentiert, ist erst ihre dritte Kollektion unter eigenem Namen. Es wäre nicht weiter erwähnenswert, zählte nicht Neiman Marcus zu den Kunden der ersten Stunde - und zwar in beträchtlichem Umfang. Auch bei Printemps in Paris liegen ihre zarten, feinen Schals und glamourösen Taschen. Aida Sanchez drapiert ihren zweiten Liebling aus der neuen Kollektion: einen kurzen Schal aus Seidenchiffon, an beiden Enden bestickt mit tonigen Pailletten. Da liegt die Frage nahe: "Sind sie romantisch?" Aida Sanchez strahlt: "Jawohl, super! Ich bin vor allem leidenschaftlich. Ich habe eine riesige Leidenschaft für schöne, feminine Klamotten. Und ich werde meinen Stil sicher nicht ändern - auch wenn sich die Mode ändert!" Die Dreißigjährige ist offensichtlich nicht nur intensiv, sondern auch stur. Denn nach ersten Begegnungen mit deutscher Kultur durch den Besuch einer deutschen Schule in Bolivien kam sie 1989 nach Reutlingen. Hier lebte sie bei einer deutschen Familie. Das junge Mädchen war sehr beeindruckt: "Es herrschte eine solche Harmonie in dieser Familie. Da habe ich mir gesagt: Ich muss einen deutschen Mann heiraten!" Das hat sie ja dann auch geschafft.

Vorher studierte sie in Florida und ging mit einem Stipendium ans Fashion Institute of Technology nach New York. "New York ist die Stadt, die mir alle Türen geöffnet hat. Ich habe ein Praktikum bei Carolina Herrera machen dürfen. Während meines Studiums habe ich bei Geoffrey Beene gearbeitet. Damals war Alber Elbaz schon dort, und es war ein großes Glück, mit ihm arbeiten zu können." Aida Sanchez sagt, sie sei schon immer ein Uptown-Girl gewesen. "Während meine Kommilitonen punkig und voll cool waren, habe ich das Schöne geliebt." Begeistert erzählt Aida Sanchez von ihren Lehrjahren: Während es im Hause Beene vor allem um die "Dramatisierung des Schnitts" ging, lernte Aida Sanchez beim glamourösen Design-Duo Badgley Mischka etwas ganz anderes kennen: Stickereien. "Sie gaben mir einige Teile zur Bearbeitung, und ich war total begeistert von Stickereien." Für Badgley Mischka und später für Oscar de la Renta betreute Aida Sanchez die edlen Stickerei-Teile vom Entwurf bis zur Produktion. "Ich weiß sehr viel über die Technik. Und über das Gefühl. Embroidery." Aida Sanchez lässt sich das Wort auf der Zunge zergehen.

Als sie schließlich dem deutschen Mann ihrer Träume in New York begegnet und ihm nach Freiburg folgt, ist es die Stickerei, die sie zur eigenen Kollektion inspiriert. "Es sollte etwas Einfaches sein. Etwas, wofür man nicht so viele Mitarbeiter braucht am Anfang. Schließlich ist es ja sehr riskant, mit einer eigenen Kollektion zu beginnen." Reich verzierte Schals und wunderschön bestickte kleine Taschen - damit hat Aida Sanchez auf Anhieb Erfolg gehabt. Sie kauft alle Stoffe in Italien, wo sie auch die Taschen produzieren lässt. Die Stickereien werden nach ihren Entwürfen in Indien hergestellt. Auch in Deutschland gibt es Häuser, die ihre kleinen Preziosen schätzen: Nicht nur "Michael Maendler öffnete mir die Tür und kaufte." Allerdings beobachtet Aida Sanchez, dass die europäischen Frauen anders einkaufen als Amerikanerinnen: "Hierzulande analysieren die Frauen zuerst, wofür sie das Teil brauchen, bevor sie es kaufen. Sie sind sehr intelligent." Wie soll sich das Unternehmen Aida Sanchez weiter entwickeln? "Ich bleibe meinem Stil treu. Wir wollen polieren, also perfektionieren, was wir begonnen haben. Erst einmal bleibe ich bei Taschen und Schals. Ich weiß, der Markt in diesem obersten Segment ist klein. Aber solange man richtig schöne Dinge tut..." Und wieder zeigt sich: Diese Frau ist leidenschaftlich. Und stur.

Gudrun Allstädt